![]() |
Stefan Münz |
Zwei Wochen vor Weihnachten in dem Jahr, als Walter Ulbricht Staatsratsvorsitzender der DDR wurde, kam ich im Kreißsaal einer westdeutschen
Edelsteinstadt zur Welt. Elf Stunden soll das gedauert haben. Meine Eltern wohnten zu jener Zeit in einem nahegelegenen Standort der US-Besatzungsarmee, einem kleinen
Kaff, das wegen der vielen US-Boys allerdings ein interessanteres Nachtleben hatte als die Millionenstadt, in der ich heute lebe. Mein Vater war dort bei der Bundesvermögensverwaltung als Beamter tätig.
Ein Jahr vor meiner Einschulung zogen wir in eine etwas
größere Stadt im gleichen
Bundesland, die schon damals
Fußball-Bundesligist war. Aber auch dort blieben wir nur drei Jahre. Die Beamtenlaufbahn meines Vaters führte weiter in die
Stadt, aus der meine Eltern auch stammten, und in der zwei bekannte urdeutsche Flüsse, von einem kaisertreuen Denkmal überschattet, zusammenfließen. Wir wohnten dort in einer gerade hochgezogenen Trabantenstadt, in der es unglaublich viele Kinder gab und eine hochmoderne Schule mit einem Hippie als Deutschlehrer.
Fünf Jahre später der nächste Umzug. Das Ziel diesmal - eine
Weinstadt mit einer Extra-Stadt für Franzosen. Im deutschen Teil sprechen die Leute allerdings einen Dialekt, der für andere Deutsche schwieriger zu verstehen ist als Französisch und unwillkürlich zum Lachen reizt. In der Schule, in der es Pauker statt Hippies gab, blieb ich erst mal sitzen, machte dann aber doch noch mein Abitur und erlebte in der Zwischenzeit eine pickelreiche Pubertät.
Nach der Schule verbrachte ich fünfzehn merkwürdige Monate. Obwohl ich nachts in bewachten Mauern vor den Toren eines
ostfriesischen Dörfchens gefangen war, gelang es mir, in besagtem Zeitraum über siebzigtausend Kilometer Eisenbahn zu fahren. Als der Spuk vorüber war, begab ich mich in meine damalige
Lieblingsstadt und blieb dort bis heute hängen.
Zunächst
studierte ich Philosphie und Linguistik, bzw. ich ließ es mir gut gehen und studierte außerdem. Es war viel Zeit, um sich zu verlieben, Kneipen zu vergleichen und nach Italien zu trampen. Dennoch hat es am Ende für ein summa cum laude gereicht, das Leben schien sehr entgegenkommend zu mir zu sein.
Dann aber ging's ins Berufsleben und bergab. Ich hatte ja gar nichts gelernt. Heute bin ich freilich froh darum, denn hätte ich damals "was Anständiges" gelernt, wäre ich heute vermutlich dauerarbeitslos. So half ich erst mal zwei Jahre lang zwei Freunden in einem Kleinverlag für afrikanische und russische Literatur in einem wildromantischen Hinterhof, wo lauter Künstler lebten. Dann lernte ich im Schnellverfahren einer
Umschulung doch noch was Anständiges, nämlich Organisationsprogrammierer für C und Unix. Das ging alles ziemlich schnell, und hinterher war ich ein neuer Mensch, ein EDV-ler.
Die ersten Jahre als EDV-ler waren allerdings nicht so toll. Erst nach zwei Kündigungen und dem Kauf eines Modems wurde mein Leben spannender und freier. HTML und das Web haben es gewaltig verändert, und SELFHTML ist einfach die Mitteilung, die Weitergabe dieser Veränderung.
Mir geht es um Klarheit. Leider ist sie nicht immer verfügbar. Um ehrlich zu sein, ist sogar das meiste die meiste Zeit über unklar. Es ist also ein seltenes Gut, um das ich da kämpfe. Trotzdem lohnt sich die Mühe, denn wenn man die Klarheit erreicht, ist sie unwiderstehlich und verleiht eine unglaubliche Energie. Ich könnte übrigens genauso gut von Wahrheit reden, denn Klarheit ist wenn man so will nur die anschaulichere Variante der Wahrheit. Oder etwas theoretischer (wahrheitsgemäßer) gesagt: Klarheit ist auf der Ebene des Verstehens und Erklärens das, was Wahrheit auf der Ebene des Erkennens ist. Oder noch anders ausgedrückt: Wahrheit ist die Theorie, Klarheit deren Praxis.
Wahrheit muss nicht unbedingt einfach sein, und Klarheit nicht unbedingt schlicht. Auch die Wege dorthin sind nicht unbedingt gerade, manchmal sind sie nicht mal als solche erkennbar. Finden wird dann eine Sache von Vertrauen und Willen. Aber sich der Unklarheit anzuvertrauen mit dem Willen, sie aufzuklären, bedeutet zu Lernen, und richtiges Lernen ist nichts anderes als diese innere Einstellung. Sie zu fördern, ist die Aufgabe des Lehrens.
Wahrheit und Klarheit sind auch nicht an bestimmte Methoden gebunden. Es gibt allenfalls bewährte Methoden, mehr nicht. Jede Methode, die sich selber in den Vordergrund stellt, ist schon von daher verdächtig.
Klarheit ist nicht einmal so klar, wie es scheint. Denn sie entsteht schichtweise, erst im Übereinanderlegen der Schichten. Die Schichten sind also wichtig, auch wenn sie als Einzelheiten gesehen nicht viel hergeben. Wichtig ist deshalb das Herstellen der Zusammenhänge, die Kunst des Schichtens. In dem elektronischen Medium, in dem wir uns hier befinden, ist Hypertext die Art und Weise, Einzelheiten zu einem klaren Ganzen zu schichten. Die Hypertext Markup Language HTML und das Web können mehr als alles andere das Bewußtsein dafür fördern, wenn sie nicht zum Zwecke der Verblödung, sondern im ursprünglich beabsichtigten Sinn eingesetzt werden.
Webkompetenz-Blog und
Webkompetenz-Forum