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Ralf Köchert
Formularisierung - Ein Problem im Metatext-Zeitalter

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Ralf Köchert

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Die Entwicklung von Intranets hat die Bürokraten auf den Plan gerufen.

Was die Kreativität hervorgebracht hat, was durch Selbstorganisation des Wissens im Informationszeitalter ungeahnte Möglichkeiten eröffnet hat, wird in großen Unternehmen zunehmend dem Zwang der Planung und Formularisierung unterworfen.

Die Zeit der VersatileInternetPlatformen und ManagementContentSysteme ist angebrochen.

Der Versuch der allgemeinen Formularisierung von Informationen widerspricht jedoch aus meiner Sicht der Idee des Hypertextes, damit der des Metatextes und somit auch der Idee von Expertensystemen. Angeregt durch einen Vorgang in meinem Unternehmen, habe ich die folgenden Gedanken niedergelegt.

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Die Formularisierung und andere Krankheiten

Unter dem Begriff der Formularisierung verstehe ich das Phänomen, in zum Teil zwanghafter Weise jede Information in eine festgelegte Form, in ein Formblatt, ein Formular zu bringen.

Formulare werden immer und wurden schon immer dann eingeführt, wenn eine große Menge gleichgearteter und -strukturierter Informationen anfallen. Die Formulare schaffen dabei ein höheres Maß an Ordnung und reduzieren den Zeitaufwand zur Auffindung von Informationen. Ein interessantes Phänomen unserer Zeit ist allerdings die immer kürzere Halbwertszeit von Formularen, wo auch immer wir ihnen begegnen. Dies trifft nicht nur auf das Internet zu. Privat und in der Firma, wenn man ein Formular so richtig verstanden zu haben glaubt, gibt es ein Neues. Der endlich mal richtig ausgefüllte Investitions-Antrag von gestern ist heute schon Makulatur.

Einige Gründe dafür sind: Struktur und Umgebung der Informationen und die Einordnung in diese Umgebung, unterliegen einem nicht vorhersehbaren aber jedenfalls immer schnelleren Wandel. Die Möglichkeit, mit geringem Aufwand neue Formulare zu schaffen und wieder abzuschaffen um wieder neue zu schaffen, hat im Zeitalter der PCs eine neue Dimension angenommen. Da muß kein Schriftsatz und -setzer bemüht werden, keine Druckplatte muß hergestellt werden. Man macht Klick und das System PC-Drucker in der Regel den Rest.

Die Bürokraten sind nicht klein zu kriegen und der Satz von K. Tucholsky aus dem vergangenen Jahrhundert: Gib einem Idioten eine Funktion, und er erfindet erst einmal ein Formular, hat in diesem Jahrhundert eher an Bedeutung gewonnen als verloren. Die Krankheit Formularisierung hat in unserer Wohlstandsgesellschaft Hochkonjunktur. Offenbar haben wir genügend Zeit und Geld, uns, ohne viel nachdenken zu müssen, mit immer neuen Kreationen von Web-Seiten, Programmen, Programmsprachen und eben auch Formularen befassen zu können. Qui bono ist Latein, Latein ist "out". Wem nützt es, ist deutsch, und deutsch ist "out". Out ist neudeutsch, wie shareholder value, new market und das ist "in".

Die elektronische Datenverarbeitung hat dabei nicht notwendig, wie erhofft, zu einer allgemeinen Erleichterung des Umgangs mit Informationen geführt. Der PC auf jedem Schreibtisch verleitet zum Perfektionismus und dieser wird zum Teil dann auch manisch betrieben. Im Zeitalter der ökologischen Slogans ist der Gedanke der Papiereinsparung offensichtlich längst wieder ad acta gelegt.

Purer Kommerz hat längst die Befriedigung von Bedürfnissen in den Hintergrund gedrängt, der neue PC "muß" nicht gekauft werden, weil er so viele, bessere Möglichkeiten in der Bewältigung der Probleme des täglichen Lebens bietet, er wird nicht angeschafft, weil er so viel besser das individuelle Bedürfnis nach Information befriedigt. Die Version des Xplayers n.1n läuft nur mit der Grafikkarte MSuperCBA aber nur unter WIN 98.xy mit IE 5.x! Dazu sind ZZZ MB als RAM und ZZ GB Harddisk als Minimum sowie BIOS xyzn.nm empfohlen, also ein neuer PC "muß" her.

Aber zurück zum Ausgangspunkt:

Formularisierung ja, wenn sie hilft Arbeit zu optimieren aber nicht, um nur, weil es eben "in" ist zu formularisieren. VersatileInternetPlatform und ManagementContentSystem sind ihrem Wesen nach Formularisierung.

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Der Hypertext

Der Hypertext ist keine Erfindung des 20ten Jahrhunderts, wie einige PC-Fetischisten gern glauben möchten. Als Wesen war er spätestens geboren, als das zweite Buch geschrieben wurde. Jeder der mehr als ein Buch gelesen hat, hatte auch schon mit Hypertext zu tun. Jedes Buch ist schon Hypertext, jede Bibliothek erst recht. Um mit Michel Foucault zu sprechen: Die Grenzen eines Buches sind nie sauber und streng geschnitten: über den Titel, die ersten Zeilen und den Schlußpunkt hinaus, über seine innere Konfiguration und die es autonomisierende Funktion hinaus ist es in einem System der Verweise auf andere Bücher, andere Texte, andere Sätze verfangen: ein Knoten im Netz. [...] Das Buch gibt sich vergeblich als ein Gegenstand, den man in der Hand hat; vergeblich schrumpft es in das kleine Parallelepiped, das es einschließt; seine Einheit ist variabel und relativ. Sobald man sie hinterfragt, verliert sie ihre Evidenz; sie zeigt sich nicht selbst an, sie wird erst ausgehend von einem komplexen Feld des Diskurses konstruiert (Foucault, Michel: Archäologie des Wissens. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1973, S. 36).

Quer- und Quellenverweise, Überschriften, Kapitel, das Sortieren nach dem ABC!!!, Register, und Lexika verkörpern die Urform des Hypertextes. Das System der Ordnung bedeutete: Evolution und Selbstorganisation des Wissens. Die Verknüpfungen zwischen den Texten unterlagen keiner erdachten Regel, der Weg zum Wissen der Bücher organisierte sich selbst, verzweigte und verkoppelte sich überproportional und mehrdimensional mit dem ebenfalls überproportional wachsenden Wissen aller Menschen als Individuen selbst.

Welche Kunst wurde in der Buchdruckerei entwickelt, welcher genialen Ideen hat es bedurft, um durch Schriftarten und Druckvarianten die alte Form des Hypertextes den ständig wachsenden Bedürfnissen anzupassen.

Es ist somit nicht erstaunlich, dass mit dem Beginn des Zeitalters der elektronischen Datenverarbeitung, visionäre Köpfe die ungeahnten Möglichkeiten für ein neues Zeitalter des Hypertextes erkannt haben. Als Wesen schon lange vorhanden, geht der Begriff Hypertext dann wohl auf eine Äußerung Theodor Nelsons aus dem Jahr 1965 zurück.

Für die Nichtlinearität des Hypertextes eröffneten sich neue Dimensionen. Das individuelle Gedankengepflecht eines "Experten" kann ohne die Beschränkung durch Papier und Druck abgebildet werden. Der im Kopf vorhandene Metatext, kann "zu Schirm" gebracht werden. Was folgt, ist die "Entmaterialisierung" der klassischen Bibliotheken.

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Der Metatext- Das Expertensystem

Zum Thema Metatext möchte ich einen interessanten Hypertext (oder schon ein Metatext?) von Thomas J. Sebestyen Seite Text zu Metatext: Gedanken zum Hypertext - Der Entwurf eines Textmodells zitieren:

Auf die Frage wie oder in welcher Form Metatext erscheint, kann ich die Botschaften, die die Raumsonden Voyager 1 und 2 mitführen, in Erinnerung rufen. Diese besteht jeweils aus einer Platte mit Bild-, Musik,- und Sprachaufzeichnungen und eingravierten Symbolen, die den Standort der Erde zeigen und der Benützung der Platte selbst erklären. Ein anders Beispiel, das mehr ein Gefühl über den Metatext vermittelt als einen konkreten, greifbaren Gegenstand liefert, ist das Gefühl, das eine Bibliothek erwecken kann. Man stelle sich vor mitten in einer großen Bibliothek zu stehen, die nicht nur Bücher, sonder auch Ton- und Bildträger, Landkarten, Papyri und andere Informationsträger beherbergt. Wenn man versucht, all das in seiner Gesamtheit zu erfassen und verstehen, kann man etwas davon erahnen, was Metatext sein kann.

Ein Expertensystem ist so gesehen ein typischer Metatext, eine elektronische Abbildung des Metatextes im Kopf des Experten. Dieses Wissen ist nicht linear und nicht geplant, strukturiert gewachsen. Was schon für den Einzelnen zutrifft, trifft für die Gemeinschaft um so mehr zu. Kreativität zu formularisieren ist aus meiner Sicht ein Versuch der kreativ Armen, sich Kreativität als Phänomen der menschlichen Intelligenz zu erschließen, dieser Versuch ist jedoch vergebens.

Die Idee eines Expertensystems zielt darauf, einen Metatext des teuer erkauften, erarbeiteten Wissens elektronisch verfügbar zu machen.

Das in vielen Bereichen vorhandene Wissen ist typischer Metatext. Nicht zuletzt, weil stets "vergilbte Papyri" existieren, die eben ganz entscheidende Informationen enthalten können. Ein Expertensystem organisiert diesen Metatext n-dimensional mit dem Mittel moderner Informationstechnik. VersatileInternetPlatform und ManagementContentSytem stehen dazu ihrer Idee nach teilweise im Widerspruch, denn mit zunächst positiver Zielsetzung, zwingen sie zur Formularisierung. Ein Expertensystem lebt aber davon, starre Grenzen aufzubrechen, die Linearität eines "klassischen Textes" zu verlassen. Die sich mit wachsendem Wissen verändernden Strukturen der Bausteine des Wissens sind für ein Expertensystem kein Problem, es wächst mit, es lebt, es organisiert sich durch seinen Autor, durch seine Co-Autoren. VersatileInternetPlatform und ManagementContentSytem sind dazu geschaffen, eben diesen Prozess einzuschränken. Durch Vereinheitlichung versuchen sie Kreativität in Bahnen zu lenken, die daraus unmittelbar folgende Beschränkung der Individualität kann jedoch den Verlust oder erhebliche Einschränkungen der Kreativität zur Folge haben.

SELFHTML ist nach meiner Meinung ein schönes Beispiel für ein Expertensystem im Internet. Um das Problem der Formularisierung zu veranschaulichen, muß man sich nur vostellen, es würde der Versuch gemacht, alle Dokumente auf die über Hyperlinks verwiesen wird, auf SELFHTML-Format zu bringen! Es ist kaum vorstellbar, was die Folgen wären!

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HTML & Co

HTML ist ein typisches Resultat der Selbstorganisation und Evolution in der Gesellschaft. Dem Wahnsinn der immer neuen Programme und Sprachen in der Computer-Internet-Welt hat sich, als es notwendig wurde, von "selbst" eine neue Struktur aufgesetzt. Mit der Folge, dass sofort wiederum einen Inflation von HTML selbst einsetzte, wie sie von Stefan Münz in dem Artikel Seite Inflation und Orientierung so gut beschrieben ist. HTML hat jedoch mehrfach totgesagt, alle "neuen, besseren" Alternativen überlebt. Auch ich zähle, was das anbetrifft, zu den "verkalkten Konservativen".

Gemäß dem Prinzip der Evolution wird sich auch das neuerliche Chaos im Internet und Intranet auf ein Neues selbst organisieren, um dann unabänderlich wieder neuen Inflationen Raum zu geben.

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Intranet - Zweck oder Selbstzweck

Die pilzartig wuchernden Intranets zeigen eindrucksvoll, was passiert, wenn neue Strukturen aufgesetzt, formularisiert und institutionalisiert werden.

Der Informationsaustausch in einem globalen Unternehmen kann durch ein Intranet sehr gut und effektiv gestaltet werden. Neben der Tatsache, das Papierversand auch nicht unerhebliche Kosten verursacht, ist die elektronische Verfügbarkeit von Informationen damit verbunden, daß diese Informationen weltweit gleichzeitig verfügbar sind. Vorausgesetzt, ein funktionierender "Kontrollmechanismus" sorgt für Aktualität und Qualität der Inhalte, ist der Traum der Globalisierung und Synergie in einem wesentlichen Punkt realisiert.

Versucht man jedoch ohne eigentlichen Bedarf, jede nur erdenkliche Information ins Intranet zu stellen, nach dem Motto: "Auch wir haben ein Intranet", quasi per Anordnung, kommt es bald zur Ausbildung von "toten Seiten" und "toten Links". Der Nutzer ist schnell genervt, wenn er auf diese stößt, wer kennt das nicht aus eigener Erfahrung beim Surfen im Internet. Bei entsprechender Häufung wird zunächst der entsprechende Bereich, weitergehend eventuell das gesamte Web gemieden. Dann sind nicht nur die Seiten und Links sondern auch schnell das ganze Web oder Intranet "tot". Diese Herangehensweise führt quasi zu einer Art "11. Fehler", hier so genannt, in Anlehnung an englischsprachige Seite Top Ten Mistakes in Web Design und englischsprachige Seite The Top Ten New Mistakes of Web Design von Jakob Nielsen. Da braucht man die anderen zwanzig Fehler erst gar nicht zu machen, das stört keinen mehr, weil: "tote Hunde tritt man nicht".

Für Expertensysteme die über das Intranet zugänglich gemacht werden, treffen die hier diskutierten Punkte ganz besonders zu. Grundsätzlich ist die Idee eines Expertensystems darauf ausgerichtet, einen Metatext teuer erkauften, erarbeiteten Wissens elektronisch den Nutzern zur Verfügung zu stellen. Jetzt gilt es nur noch zu entscheiden, auf welcher Basis man diese Verfügbarkeit schaffen will. Es bietet sich an, das ganze über einen Web-Browser zu realisieren, denn diese sind in der Regel auf jedem PC im Unternehmen installiert. Dazu benötigt man HTML und einen guten HTML-Editor, und die gibt es. Wie dieser Editor nun heißt, spielt dabei zunächst eine völlig untergeordnete Rolle.

Abschließend bleibt festzuhalten:

Ein "lebendes, wachsendes" Expertensystem ist "lebender" Metatext. HTML leistet das Notwendige ohne Überflüssiges. Wer also, sich entwickelnde Daten mit dem Mittel des Internets oder Intranets verfügbar machen will, für den ist aus meiner Sicht, eine Entscheidung für HTML vielleicht nicht die einzige aber sicher eine gute und damit richtige Entscheidung.

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